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Bänder-Händler John Bollinger

John Bollinger ist Präsident und Gründer der Vermögensverwaltung Bollinger Capital Management. Als waschechter Analytiker hat er in seiner Karriere eine Reihe bekannter Analyse-Tools entwickelt – allen voran seine Bollinger-Bänder, die heute in praktisch jeder Software als Standard-Tool enthalten sind. Sein Buch „Bollinger on Bollinger Bands“ wurde 2001 veröffentlicht und in acht Sprachen übersetzt. Außerdem gibt Bollinger einen monatlichen Börsenbrief mit wöchentlichen Updates heraus, den Capital Growth Letter. In diesem werden Marktkommentare, Analysen und Anlageideen für Privatinvestoren vorgestellt, die eine technisch ausgerichtete Anlagestrategie verfolgen. 

John Bollinger ist der Öffentlichkeit auch durch seine langjährige Tätigkeit als Marktanalyst und -kommentator bei den Fernsehkanälen FNN und CNBC bekannt. Außerdem ist er ein begehrter Redner auf Finanzkongressen auf der ganzen Welt. Wir haben den vielbeschäftigten Marktspezialisten zu einem Interview getroffen.

(Kostenlos) verfügbar von John Bollinger im NanoTrader Trading-Plattform:
1. Trading-Strategien und -Signale
Die Trio Strategie
Die Open Trade HA-BB Strategie
Die Dynamic RSI Strategie
Die Trendplus Strategie
2. Trading-Tools
Bollinger Volatility Explosion
Bollinger Oszillatoren (Bollinger %b-Indikator)
BB MACD
Traders Dynamic Index
3. SignalRadar mehr...


Interview mit John Bollinger, dem Erfinder der Bollinger-Bänder

  • Herr Bollinger, Sie sind ein Quereinsteiger in die Finanzindustrie. Können Sie uns sagen, wie Sie überhaupt mit der Börse in Kontakt gekommen sind?

Bollinger: Das stimmt, ursprünglich habe ich etwas ganz anderes gemacht. Ich habe Kinematographie studiert und im Anschluss in der Filmindustrie gearbeitet. Insgesamt habe ich zehn Jahre meines Lebens in dieser Branche verbracht. Mit der Börse kam ich in Kontakt, als meine Mutter in Rente ging und jemanden suchte, der ihre Rentengelder managen sollte. Diese Aufgabe habe ich übernommen. In dieser Zeit habe ich mich umfassend mit dem Thema Börse befasst, viel gelesen und natürlich viel dabei gelernt. Ich habe auch untersucht, wie man gute Unternehmen anhand fundamentaler Kriterien erkennen kann, aber ich bin damit nie richtig warm geworden. Im Laufe der Zeit hat mich die technische Sicht auf die Märkte immer stärker interessiert und ich habe erkannt, dass diese Form der Analyse für mich besser geeignet ist als die Fundamentalanalyse.

  • Können Sie sich noch an Ihren ersten Trade erinnern?

Bollinger: Aber natürlich. Mein erster Trade war der perfekte Anfänger-Trade, und ich sagen Ihnen auch, warum. Ich hatte als Teenager Aktien der Fruehauf Corporation von meinem Großvater bekommen und hielt sie viele Jahre. Mit diesem Trade lernte ich, dass eine Aktie keinesfalls langfristig steigen muss. Es war ein Totalverlust, was mich von vornherein für die Risiken des Spekulationsgeschäfts sensibilisierte – genau das brauchen Anfänger. Wenn der erste Trade gleich ein großer Gewinn ist, besteht die Gefahr, dass man sich überschätzt und im Anschluss große Fehler begeht. Eine negative Erfahrung ganz am Anfang kann sozusagen langfristig ein riesiger Gewinn sein.

  • Was war das Wichtigste, das Sie auf Ihrem Weg zum professionellen Trader gelernt haben?

Bollinger: Das kann ich Ihnen genau sagen: Disziplin. Ich glaube, dass es letztlich nur darauf ankommt. Ich kann mich an einen Bekannten erinnern, der prinzipiell gut war in dem, was er tat. Allerdings neigte er dazu, ungeduldig zu sein und auf das zu hören, was andere sagten. Dieser Bekannte wurde meiner Meinung nach aufgrund mangelnder Disziplin bei der Umsetzung seiner Ideen nie erfolgreich. Ich habe die Disziplin entwickelt, mich jeden Tag an die Märkte zu begeben und einen Kampf auszutragen, Komplikationen zu managen und dabei konzentriert und diszipliniert vorzugehen. Ich tue das jeden Tag und ich glaube, dass es genau darauf ankommt: Man muss einfach hingehen und seinen Plan durchziehen, Tag für Tag. Das unterscheidet erfolgreiche Trader von denjenigen, die es gern sein möchten, aber immer nur anderen nacheifern.

  • Bitte erzählen Sie uns, wie Sie auf die Idee zur Entwicklung Ihrer Bollinger-Bänder gekommen sind.

Bollinger: Bänder werden im Allgemeinen schon seit den 1930er Jahren in Charts eingezeichnet. Die Betonung liegt hier auf „eingezeichnet“; dies wurde also für viele Jahrzehnte von Hand durchgeführt. Aus diesem Grund musste alles sehr einfach sein, denn sonst wäre es nicht umsetzbar gewesen und für die Praxis nicht relevant. Ich kann mich an die Geschichte eines Traders namens Wilfried Lideaux erinnern, der in den 1930er Jahren sehr einfache Bänder an den Hochs und Tiefs eines Index anlegte. Das Ganze war ähnlich eines Trendkanals und basierte auf Monatsdaten. Anhand dieser Bänder traf er seine Kauf- und Verkaufsentscheidungen für Swing Trades. Soweit ich mich erinnern kann, nannte er seine Strategie das „Twinline Trading System“. Später wurden Bänder anhand von Gleitenden Durchschnitten manuell ausgerichtet. Ein Beispiel dafür sehen Sie in Bild 1. Es wird also einfach ein Gleitender Durchschnitt über beispielsweise zehn Perioden berechnet und dieser dann um einen bestimmten Prozentsatz nach oben und unten verschoben. Diese Variante der Berechnung von Bändern wird heute Moving Average Envelopes genannt, oder kurz Envelopes.  Alles, was innerhalb der Bänder liegt, lässt sich als normales Marktrauschen interpretieren, und erst bei Berührung oder Überschreiten der Bänder liegen signifikante Abweichungen vor. Allerdings gibt es bei diesen einfachen Bändern ein großes Problem: Welcher Prozentsatz bei der Verschiebung ist der richtige? Hier schleichen sich psychologische Aspekte ein, denn Trader können die Bänder immer so ausrichten, dass es gerade gut passt. Es fehlt also ein Ansatz zur automatischen Standardisierung und Skalierung.

Einfache Bänder (Envelopes)

Bild 1 zeigt den S&P 500 Future mit einfachen Envelopes. Die Bänder entstehen, indem ein Gleitender Durchschnitt (gestrichelte Mittellinie) um einen bestimmten Prozentsatz nach oben und unten verschoben wird. Hier wurde ein GD über zehn Perioden verwendet, der um jeweils ein Prozent verschoben wurde.

Bollinger Envelopes.

Trade an der Mittellinie

Bild 2. Hier sehen Sie eine schöne Gelegenheit für einen Intraday Trade. Der S&P 500 Future kehrt nach einer starken Eröffnung an die Mittellinie der Bollinger-Bänder zurück (also an den GD über 20 Perioden). Dort bildet sich im 10-Minuten-Chart ein Hammer heraus, was die Mittellinie als Unterstützung bestätigt und einen schönen Einstieg in einen Long Trade bietet.

Bollinger Bands auf Deutsch.

  • Warum sind die Bollinger-Bänder besser?

Bollinger: Ich habe bei den Bollinger-Bändern die Skalierung anhand der Standardabweichung eingeführt. Das mag aus heutiger Sicht off ensichtlich erscheinen, aber damals war das nicht so. Ich kann mich daran erinnern, dass viele davon ausgegangen sind. Die Standardabweichung ist ein bekanntes statistisches Maß, das die Verteilung der Daten um ihren Mittelwert herum beschreibt. In der Standardeinstellung der Bollinger-Bänder wird ein Gleitender Durchschnitt über 20 Perioden verwendet und es wird jeweils die zweifache Standardabweichung nach oben und unten hin abgetragen. Der 20er-Gleitende Durchschnitt stellt im Indikator die Mittellinie dar und durch das Abtragen der doppelten Standardabweichungen entstehen das obere und das untere Band.

Da sich die Volatilität am Markt ständig ändert, verändert sich auch die Breite der Bänder. Wenn es also ruhig ist und die Kurse wenig schwanken, liegen die Bänder nahe zusammen. In turbulenten Zeiten weiten sie sich dagegen schnell aus. Grundsätzlich erfolgt damit eine automatische Anpassung an die Marktverhältnisse. Das ist wichtig, da sich die Volatilität keineswegs linear verhält, sondern in sogenannten „Clustern“ auftritt. Die Volatilität ist also selbst volatil, kann aber über längere Zeit überdurchschnittlich hoch oder nied rig sein. Übrigens haben Robert Engle und Clive Granger im Jahr 2003 den Nobelpreis für ihre Forschungen erhalten, die im Wesentlichen auf der Grundbeobachtung basieren, dass Volatilität volatil ist.



Trader können das Vielfache, um das die Standardabweichung bei den Bollinger-Bändern nach oben oder unten verschoben wird, einstellen. Ich habe den Wert Zwei gewählt, da so in etwa 95 Prozent aller Kursbewegungen innerhalb der Bänder stattfi nden sollten. Je höher das Vielfache gewählt wird, desto unwahrscheinlicher wird es, dass eines der Bänder verletzt wird. Abgesehen vom Vielfachen der Standardabweichung wird also alles automatisch berechnet. So kann man sich den Chart als Trader kaum noch „schön reden“. Außerdem zeigen die Bollinger-Bänder auf relativer Basis, ob der Kurs gerade hoch oder niedrig notiert. Die Interpretation dieser Aussage ist natürlich eine andere Geschichte.

  • Wie meinen Sie das? Werden die Bänder von manchen Tradern falsch interpretiert?

Bollinger: Manche Leute machen es sich zu einfach und denken, dass die Verletzung des oberen Bands automatisch ein Verkaufs- und die Verletzung des unteren Bands ein Kaufsignal ist. Das ist natürlich falsch und widerspricht der gerade genannten Grundidee. Die Bänder zeigen wie gesagt relative Referenzpunkte, um festzustellen, ob die Kurse gerade hoch oder niedrig stehen. Allerdings gibt es an den Märkten Trends, wie wir alle wissen. Die Kurse können also über längere Zeit relativ hoch (Aufwärtstrend) oder relativ niedrig (Abwärtstrend) sein. Aus diesem Grund ist die Interpretation der Bänder eine andere Geschichte, da das Chartbild in den Zusammenhang eingebaut werden muss. Während also das Erreichen des unteren Bollinger-Bands innerhalb eines etablierten Seitwärtsmarktes ein schönes Kaufsignal sein kann, kann das gleiche Signal innerhalb eines übergeordneten Abwärtstrends der Trigger für einen Momentum-Short Trade sein.

  • Und wie können Trader erkennen, ob ein Trendmarkt vorliegt?

Bollinger: Dafür sollten Trader weitere Indikatoren hinzuziehen. Besonders geeignet ist dafür der von Welles Wilder entwickelte Average Directional Movement Index (ADX). Außerdem kann man die Bollinger-Bänder gut mit dem Moving Average Convergence/Divergence (MACD) kombinieren, oder auch mit einem Indikator, der die Steigung eines beliebigen Gleitenden Durchschnittes anzeigt.

W Bottom beim S&P 500

Bild 3 zeigt den Chart des S&P 500 im Zeitraum Dezember 2007 bis Juni 2008. Eingezeichnet sind die BollingerBänder sowie der %b-Indikator. Während der Markt im März 2008 neue Tiefs erreicht, wird diese Bewegung vom %b-Indikator nicht bestätigt. Damit bietet sich ein guter Long-Einstieg. Solche Divergenzen gehören zu John Bollingers Lieblings-Setups.

W Bottom Bollinger Bands.

Breakout bei Apple

Bild 4. Hier sehen Sie deutlich, dass ein Durchbrechen des oberen Bands keineswegs ein Verkaufssignal sein muss. Es kann ebenso gut ein Kaufsignal sein, gerade bei starken Aktien wie Apple (Ausbruch im März 2008).

Bollinger %b-Indikator


Bollinger %b-Indikator

Dieser von John Bollinger entwickelte Indikator beschreibt die Position des Schlusskurses in Relation zu den Bollinger-Bändern in der Standardeinstellung (GD über 20 Perioden, Verschiebung um jeweils zwei Standardabweichungen). Werte zwischen Null und Eins liegen innerhalb der Bänder. Werte unter Null zeigen Kurse unter dem unteren, Werte über Eins Kurse über dem oberen Band an. Neben der Lage des Schlusskurses ist nach Bollinger auch die Dicke der Bänder wichtig für die Analyse.


  • Welche Einstellung empfehlen Sie für die Bollinger-Bänder?

Bollinger: Die Standardeinstellung ist wie gesagt ein Gleitender Durchschnitt über 20 Perioden plus/minus die doppelte Standardabweichung. Grundsätzlich können diese Parameter natürlich variiert werden. Im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass es im kurzfristigen Trading zum Beispiel sinnvoll ist, den Wert für den Gleitenden Durchschnitt kürzer zu wählen, damit die Bollinger-Bänder noch reagibler auf schnelle Trendveränderungen sind. Für den Anfang ist die Standardeinstellung aber ideal und viele Trader behalten diese auch im späteren Einsatz bei.

  • Können Sie sich an außerordentlich große Gewinne in Ihrer Trading-Karriere erinnern?

Bollinger: Ich trade seit 1980 in Vollzeit und habe unzählige Trades gemacht. Ich kann mich an ein paar große Gewinne und Verluste erinnern, aber nicht mehr im Detail. Ich habe früher sehr viel mit Optionen getradet und da sind auch verschiedene Gewinne von mehreren hundert Prozent aufgetreten. Allerdings habe ich immer mehrere Positionen in einem Portfolio gehalten, sodass die Gesamt-Performance nie extrem schlecht oder gut war. Heute fokussiert sich mein Trading vor allem auf Aktien, wobei ich mich hier nicht auf US-Titel spezialisiere, sondern weltweit nach Gelegenheiten Ausschau halte.

  • Können Sie uns von Ihrem Konzept der „Rationalen Analyse” erzählen? Wie unterscheidet es sich von der Technischen und der Fundamentalen Analyse?

Bollinger: Zunächst einmal sind sowohl die Technische als auch die Fundamentale Analyse sehr wertvoll. Allerdings herrscht zwischen beiden Disziplinen eine Art intellektueller Krieg – die eine Seite kann und will die andere einfach nicht verstehen. Dieser Graben ist natürlich hinderlich wenn es darum geht, gute Setups zum Traden zu fi nden. Am Ende geht es doch darum, sich die besten Gelegenheiten herauszufiltern, und dafür sollte man alle Analyseformen betrachten. Zum Beispiel könnte man auch eine Technische Analyse der Fundamentaldaten durchführen. Wenn wir also Zeitreihen zu diesen Daten haben, warum nicht einfach eine Chartanalyse dazu erstellen oder einen Gleitenden Durchschnitt einfügen? Übrigens gibt es heute neben der Technischen und der Fundamentalen Analyse noch die verhaltensorientierte (behavioural) sowie die quantitative Analyse. Als ich den Begriff der Rationalen Analyse erstmals entwickelt habe, gab es diese beiden neuartigen Analysemethoden noch nicht. Insgesamt lassen sich also vier Dimensionen der Analyse in das Trading einbeziehen. Im Ergebnis ist es zudem notwendig, all diese Perspektiven in einer relativen Sicht zueinander zu sehen und einzuordnen, was vielleicht die größte Leistung des Traders selbst darstellt. Alles zusammen bezeichne ich als Rationale Analyse, da man sich nicht auf eine Analysemethode versteift, sondern vernünftigerweise alle Betrachtungsweisen mit einbezieht.



  • Wie setzen Sie die Kombination verschiedener Analyseformen um?

Bollinger: Ich kombiniere gern die Fundamentale mit der Technischen Analyse, indem ich für das Auffi nden meiner Trading-Entscheidungen einen mindestens zweistufigen Prozess aufsetze. Als erstes benutze ich einen Screener, mit dem ich mir anhand verschiedener Kriterien die Titel mit den für mich besten Kennzahlen herausfi ltere. Mit dieser fundamental-quantitativen Herangehensweise kann ich das zunächst unüberschaubare Universum an Aktien auf einige wenige Titel reduzieren. Im zweiten Schritt betrachte ich die so ausgewählten Aktien und handle sie dann nach technischen Gegebenheiten. An diesem Punkt kann ich gegebenenfalls auch massenpsychologische Aspekte mit einbeziehen, sodass ich in meiner Analysemethode alle vier beschriebenen Methoden eingebaut habe.

  • Was ist Ihr persönlicher Trading-Vorsprung?

Bollinger: Wie bereits erwähnt, halte ich Disziplin für entscheidend. Einer meiner Mentoren in der Anfangszeit hat mir einmal gesagt, dass man ein gutes System entwickeln und anwenden muss und dass man dabei bleiben sollte. Es gibt viele verschiedene Wege und Systeme, mit denen man erfolgreich sein kann. Ein echter Gewinner-Typ weiß das nicht nur, sondern er handelt auch kontinuierlich danach – Tag für Tag. Das ist es, was die meisten nicht schaff en. Ich glaube also, dass es ein großer Vorteil in meinem Trading ist, dass ich das Ganze hier schon seit 31 Jahren durchziehe.

Zusätzlich ist es natürlich ein Vorteil, dass ich mir inzwischen ein großes Wissen über alle möglichen Themen der Technischen und der Fundamentalen Analyse angeeignet habe, das bei meinen Trading-Entscheidungen immer wieder hilfreich ist. Ich habe viele alte Bücher gelesen und von den alten Meistern des Tradings gelernt. Viele dieser Techniken sind heute vergessen, aber einige der Ideen können wirklich wertvoll sein.

  • Welche Rolle spielt das Umsatzvolumen in Ihrem Trading?

Bollinger: Ich nutze das Volumen sehr gern. Viele Indikatoren lassen sich in einer nach dem Volumen gewichteten Variante berechnen, und so setzte ich sie am liebsten ein. Der Vorteil dabei ist, dass das Volumen eine Information darstellt, die nicht direkt mit dem Preis zusammenhängen muss. Die Indikatoren, die sich aus den Kursen berechnen, hängen aber immer direkt mit dem Preis zusammen. Aus diesem Grund ist es auch problematisch, viele Indikatoren mit dem Ziel zu nutzen, die besten Trades herauszufiltern. Das Problem heißt in der Wissenschaft „Multikolinearität“. Wenn ich also einen Momentum-Indikator einsetze, um das Signal eines anderen Momentum-Indikators zu „verbessern“, bringt das praktisch überhaupt nichts, außer zusätzlicher Verwirrung. Man sollte also wenige und voneinander weitgehend unabhängige Indikatoren verwenden und das Volumen eignet sich unter diesem Gesichtspunkt hervorragend. Allerdings kenne ich nur wenige Leute, die das Volumen umfassend mit einbeziehen, was ich nicht so recht nachvollziehen kann.

  • Sie sind also zum einen ein systematischer und zum anderen ein diskretionärer Trader?

Bollinger: Ich würde sagen, dass ich beides zu gleichen Teilen bin. Zum einen führe ich quantitative Screenings durch, zum anderen wähle ich meine tatsächlichen Trades von Hand aus. Diese Kombination aus Filtertechnik und Intuition ist für mich sehr nützlich. So lassen sich die Schwächen beider Methoden gegenseitig mehr oder weniger ausschalten. 

  • Kombinieren Sie Ihre Bollinger-Bänder mit Relative Stärke-Ansätzen?

Bollinger: Ich bin wirklich ein Fan von Relative Stärke-Strategien. Ich meine mit Relative Stärke nicht den Relative Strength Index (RSI), sondern vielmehr die tatsächliche Relative Stärke nach Levy (RS) einer Aktie gegenüber dem Markt. In der Regel wähle ich meine Aktien nach dieser Methode aus. Besonders interessant sind Konstellationen, bei denen sich eine Aktie mit hoher Relativer Stärke in eine Konsolidierung hineinbewegt und dann innerhalb eines kleinen Kanals wieder nach oben ausbricht. Mitunter schaue ich dabei auch auf Nachrichten. Wenn die Aktie zum Beispiel gerade konsolidiert und schlechte Nachrichten bekannt gegeben werden, auf die die Aktie nicht oder kaum fällt, ist das ein sehr bullisches Zeichen.

  • Wie sehen Ihr Risiko- und Money-Management aus?

Bollinger: Ich verfolge grundsätzlich einen Portfolio-Ansatz. Das heißt, dass ich meine Positionen diversifiziere und so das Gesamtrisiko verteile. Zudem gehe ich pro Trade nur wenig Risiko in Bezug auf das Gesamtportfolio ein. Wenn ich eine Position erst einmal eröff net habe, baue ich diese später nicht weiter aus. Ich nutze also keine Pyramidisierungs-Technik. Beim Ausstieg kann es sein, dass ich stufenweise vorgehe, wenn meine Position weit im Plus liegt. Manchmal drehe ich meine Positionen auch direkt von Long aus Short oder umkehrt. All das tue ich aber auf diskretionärer Basis.

Divergenz bei Merck & Co (MRK)

Bild 5. Dargestellt ist der Chart vom Merck & Co im Zeitraum Oktober 2007 bis Juni 2008. Im Chart sehen Sie die Bollinger Bänder sowie den Intraday Intensity Index über 21 Perioden. Als die Kurse im August 2008 das obere Bollinger Band berührten und der Intensity Index gegenüber dem letzten Hoch im Juli deutlich divergierte, bot sich eine gute Gelegenheit für einen Short Trade.

Bollinger Bands beim Aktien Trading.


Intraday Intensity Index (III)

Dieser volumenbasierte Indikator zeigt an, wohin die großen Gelder in einem Wert  fließen. Gemessen wird dies anhand der Relation des Schlusskurses zur Hoch-Tief Spanne des Tages.

Formel: III = ( 2 x Close - High - Low ) / ( High - Low ) x Volume


  • Welche Orderarten setzen Sie ein?

Bollinger: Ich setzte grundsätzlich nur limitierte Orders für meine Kauf- und Verkaufsaufträge ein. Übrigens nutze ich selten Stopps, die im Markt liegen, sondern vertraue auf meine diskretionäre Ausstiegsentscheidung.

  • Wie hat sich Ihre Performance in den letzten Jahren verändert?

Bollinger: Die letzten Jahre liefen sehr gut, ich kann mich nicht beklagen. Insgesamt entwickelte sich meine Performance ziemlich stetig.

  • Haben Sie einen festen Tagesablauf beim Trading?

Bollinger: Nein, einen festen Plan gibt es nicht. Ich handle im mittelfristigen Bereich und muss nicht unbedingt zu festen Zeiten da sein, da meine durchschnittliche Haltedauer im Bereich mehrerer Monate liegt. Kurzfristige Trades mache ich natürlich auch, immer wieder auch gern im Intraday-Bereich – hier setze ich aber sehr kleine Positionsgrößen ein, da es nicht der Hauptaspekt in meinem Trading ist.

  • In welchen Phasen treten Drawdowns in Ihrer Strategie auf?

Bollinger: Ich handle überwiegend auf der Long-Seite des Marktes. Daher wird es für mich immer in großen Bärenmärkten schwierig.

  • Wie schätzen Sie den psychologischen Aspekt beim Trading ein?

Bollinger: Die Psyche ist beim Trading entscheidend. Um es auf den Punkt zu bringen, würde ich sagen, dass Trading nichts anderes ist als ein psychologisches Spiel mit sich selbst.

  • Welchen Tipp haben Sie für Trading-Einsteiger?

Bollinger: Hier kann ich den Rat weitergeben, den ich selbst einmal erhalten habe und der mir sehr geholfen hat: Führen Sie Ihre eigenen Analysen und Rückrechnungen durch und entwickeln Sie ein funktionierendes System. Dann müssen Sie nur dabei bleiben und es Tag für Tag durchziehen.

  • Möchten Sie irgendwann einmal mit dem Trading aufhören?

Bollinger: Ich glaube, hier kann ich kurz und bündig antworten: Nein, keinesfalls!

Quelle: Traders' Mag.




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